Mega-Törn bei Wind und Welle: Rund Skagen & Limfjord 2009 (Matthias Bruckert, 13.09.2009)
Vor zwei Jahren wurde die Idee geboren, die seglerischen Traumziele Skagen und den Limfjord im Norden Jütlands zu bereisen. Schnell fanden sich zwei Crews um die Skipper Markus Schaaf (Oceanis 423 „Chilli“) und Matthias Bruckert (Fahrtenseglerclub Königstein, Hanse 411 „Nordstjernen“) zusammen. Die Yachten wurden wegen des optimalen Ausgangspunkts im Hafendorf Øer bei Ebeltoft im Osten der Arhus-Bucht gechartert. Der lange Anreiseweg von ca. 890 km wurde mit einer schönen Zwischenstation in Schleswig verkürzt; am 23.08.2009 stachen wir dann endlich in See.
Die erste Etappe führt uns über 43 sm nach Bønnerup. Mit unserer Hanse-typischen Selbstwendefock ist auf raumen Kursen gegen die große Genua des Schwesterschiffs wenig auszurichten. Ein Leichtwindsegel war nicht aufzutreiben, hätte aber im späteren Törnverlauf eh nur dekorativ in der Backskiste gelegen. Wir behelfen uns mit einer zusätzlichen Schot, um Holepunkt und Zugrichtung der Fock zu optimieren.
Am nächsten Tag geht es weiter raumschots zum bekannten Leuchtturm Hals Barre im Kattegat. Nach Umrundung des Seezeichens und viele Fotos später laufen wir nach Hals am östlichen Limfjord-Eingang, wo schon bei mäßigem Wind Brandung auf den Untiefen steht.
Auf dem Schwesterschiff wird nach Dorsch geangelt. Skipper Markus verletzt sich dabei am Daumen – denn es sind Petermännchen an der Angel, nicht Dorsche. Die erlegen ihre Beute mit giftigen Seitenstacheln und Markus wird prompt davon erwischt.
Später können wir unter Fock mit gut fünf Knoten Richtung Aalborg segeln, um mitten in der Stadt in einem kleinen Kanal zu übernachten. Unterwegs begegnen uns interessante Yachttypen, die
kompromisslos auf optimale Ausnutzung der Windkraft ausgelegt sind.
Die Schwellgeräusche im Kanal werden durch den Genuss dänischer Biere gelindert. Die Schnapsfabriken müssen wir andermal besuchen.
Am nächsten Nachmittag erreichen wir die schöne Stadt Løgstør. Die „hygellige“ dänische Kleinstadt mit einem alten Kanal, dem nett gemachten Limfjord-Museum und perfekten Einrichtungen für Segler incl. überdachtem Grillplatz gefällt uns allen sehr gut.
Wir feiern zunächst mit beiden Crews die ersten 5.000 Seemeilen von Skipper Matthias, dann abends eine gemeinsame Grillfete mit lustigen Gitarrengesängen, die trotz aufkommenden Regens erst am frühen Morgen endet. Im Museum erfahren wir unter anderem, dass es eigentlich „Lim-Sund“ heißen müsste, seit eine Sturmflut im Jahr 1862 das flache Küstenland bei Thyborøn durchbrach und damit die Verbindung zur Nordsee schuf.
Segeln vom Feinsten bei frischem Südwestwind bringt uns die kurze Etappe nach Livø, wobei unsere „Nordstjernen“ gute Am-Wind-Eigenschaften zeigt. Mit dem großen Steuerrad lässt sich gefühlvoll die Windkante finden; wir laufen in der Spitze 8.4 Knoten unter Vollzeug. Nachmittags erreichen wir die kleine Insel Livø mit ihrem winzigen Hafen. Ein Inselrundgang zeigt die wunderbare Natur: Schöne Heidelandschaft, ein Höhenzug mit Aussichtspunkt, Muschelstrand und nur wenige Menschen. Dort muss man einmal gewesen sein!
Nachts frischt der Wind auf; wir müssen um 03.00 Uhr morgens eine Luvleine ausbringen, die unsere Yachten stabilisiert. Am Vormittag kreuzen wir mit gerefften Segeln und unter Schauern bei 4-5 Bft. Mittelwind Richtung Salling-Sund, der Hauptschifffahrtsstraße des Limfjords. Am späten Nachmittag erreichen wir auf der Kreuz nach 33 sm den eng gebauten Inselhafen von Jegindø. Dort können wir im Windschutz einer Mauer und mit gerade noch ausreichender Tiefe liegen. Abends wird der Geburtstag von Markus‘ Lebensgefährtin Angela gefeiert. Schon morgens hatten wir ihr in Crewshirts gekleidet ein Ständchen gebracht. Die Feier wird feucht-fröhlich und von vielen Digitalkameras auf Chip gebannt… noch Tage später lachen wir über die Tanzeinlagen auf Steg und Schiff.
Am nächsten Mittag zeigt sich die Sonne bei gut 5 Bft aus Süd-Südost. Wir lassen unsere „Nordstjernen“ losmarschieren. Mit wenigen Kreuzschlägen und sehr gutem Speed erreichen wir in Begleitung eines Berufsschiffs die Oddesund-Brücke und werden prompt durchgelassen – perfektes Timing! Nach der Brücke sind die Segel wieder oben, aber der Wind frischt bald auf 6 Bft auf; in Böen noch deutlich mehr. Unsere Hanse lässt sich nicht mehr vernünftig auf Kurs halten. Also Groß weg und weiter mit der Fock, die uns bis vor den Thyborøn-Kanal zieht. Unter Maschine laufen wir bei rabenschwarzem Himmel und böigem Seitenwind weiter und haken sorgfältig die Tonnen ab, um nichts zu übersehen. In dem für Yachten vorgesehenen Nordhafen suchen wir uns eine Box aus. Wir haben die Nordsee erreicht – auf nach Skagen!
Am Morgen hören wir die Brandung an der nahen Hafenmauer brausen. Wir haben starken Süd-Südwestwind mit Schauern, das Barometer ist heftig gefallen. Der Gang zum nahen Wellenbrecher offenbart, dass bei diesen Bedingungen an Auslaufen nicht zu denken ist: Die Wellen erreichen gut vier Meter, laufen genau in den Limfjord hinein und brechen schon zwei Meilen vor dem Strand. Da uns ein Internet-Zugang fehlt und wir für den Sprung über die Nordsee stabile Verhältnisse brauchen, hilft uns Michael Bauer vom FSCK mit aktuellen Wettervorhersagen. Erst am übernächsten Tag soll es abzuflauen.
Tatsächlich tut sich am 31.08. die Lücke auf: Wir laufen um 06:00 Uhr früh bei deutlich weniger Welle und mäßigem Wind aus. Die Brandungszone ist schnell gemeistert; danach zieht uns die Fock vor dem Wind Richtung Nordost. Zwischenzeitlich legt der Wind auf 5-6 Bft zu und unser Schiff läuft laut GPS in der Spitze 10.5 Kn (Hand-GPS 12.8 Kn)! Wir passieren Hanstholm und weitere Sehenswürdigkeiten des nördlichen Jütlands. Leider hüllt sich alles in einheitliches Grau und die Schauer nehmen uns komplett die Sicht zur rauen Küste. Mit gebührendem Abstand zum Land durchlaufen wir am Nachmittag die Jammerbucht, in der viele Schiffswracks vom erfolglosen Versuch künden, sich mit einem Großsegler bei Nordweststurm vom Legerwall freizusegeln. Wir sind froh, im letzten Tageslicht und nach 90 Seemeilen die Hafenmole von Hirtshals zu erblicken, wo wir in der hintersten Ecke am Yachtsteg einen guten Liegeplatz finden.
Die restlichen 30 Meilen nach Skagen nehmen wir am nächsten Tag unter strahlendem Sonnenschein in Angriff. Wir haben südöstliche Winde bei zunächst um die 4 Bft. und laufen mit gerefften Segeln bis zu 8.2 Knoten. Später frischt es erheblich auf; wir müssen mit Böen von 7-8 Bft und ordentlich Welle kämpfen. Die Segel werden geborgen, weil wir bis zur entscheidenden Stelle gegenan müssen: Um genau 16.07 Uhr runden wir die Nordtonne „Skagens Rev“, die in Verlängerung der Landspitze Grenen am Zusammenfluss von Nord- und Ostsee liegt. Wir haben unser Törnziel tatsächlich erreicht! Beim Surfen in die Hafeneinfahrt von Skagen und beim Anleger mit viel Seitenwind werden wir noch einmal gefordert, sind aber dann rechtzeitig zum gemeinsamen Abendessen mit der „Chilli“ am Steg.
Skagen ist wirklich ein besonders schöner Ort! Ein Hafen voller Atmosphäre, die Häuser einladend und alles Sehenswerte ist per Fahrrad erreichbar. Das besondere Licht hat schon früher zahlreiche Künstler angelockt. Vom Skagener Leuchtturm aus hat man eine fantastische Aussicht auf Stadt, Umgebung und die zwei Meere. Grenen – der Ort an dem sich Nord- und Ostsee vereinen – ist schlicht überwältigend! Die Wellen laufen aus zwei Richtungen ineinander, die See kabbelt und kocht. Baden ist verboten, aber bis zu den Waden kann man sich dem Ort nähern, wo der Kabeljau zum Dorsch wird (oder umgekehrt).
Am Abend sind die Wetteraussichten deutlich schlechter geworden. Überall wird ab Donnerstagabend
Starkwind mit Sturmböen aus Süd vorhergesagt. Bald heißt die Devise: Nichts wie heim, bevor es loskachelt. Wir bereiten alles vor, teilen Wachen ein und starten gegen 21.30 Uhr. Skagen liegt in abendlicher Ruhe und nichts zeugt von einer Wetterverschlechterung. Wir kommen zunächst gut voran; Petra und Claudi erleben sogar eine schöne Vollmondwache. Gegen Morgen nimmt die Dünung zu und ein zweistündiger Segelversuch bringt uns so weit vom direkten Kurs ab, dass wir anschließend mühsam bei weiter zunehmendem Wind gegenan motoren müssen. Mittlerweile jagt ein Schauer den anderen und die Arbeit der Steuerleute Gerald und Rolf erinnert an den Song „Riders on the storm“. Wir sind froh, im letzten Tageslicht vor der unbefeuerten Kanaleinfahrt von Øer anzukommen, die nur im Plotter sicher auszumachen ist. Claudia steuert uns bis zur Schleuse, wo wir um 20.15 Uhr nach fast 24-stündiger Fahrt festmachen. Aber die „Chilli“, die in Hals Zwischenstation gemacht hat, ist noch draußen.
Als die „Chilli“ um Mitternacht Øer erreicht, weht der Wind mit 8 Bft. aus Süden bei entsprechender Welle. Der Kanal hat weder Leuchttonnen noch ein Richtfeuer, wie es fälschlicherweise in manchen Unterlagen genannt ist. Als Orientierung dienen Markus und seiner Crew nur das Plotterbild und die geschwenkten Taschenlampen von Claudia und Petra, die bereits auf den Anlegesteg geeilt sind. Mittlerweile stürzen alle Crewmitglieder der „Nordstjernen“ an Deck und helfen mit, wo sie können. Volker auf dem Vorschiff der „Chilli“ leuchtet die Tonnen aus, wir beobachten gebannt die Positionslichter – nur jetzt nicht vom Fahrwasser abkommen und auf die dicht daneben liegenden Flachstellen laufen! Aber – alles geht gut und nach aufregenden Minuten liegt die „Chilli“ bald sicher am Steg. Auch diese Herausforderung haben die Crews gemeistert; das war wirklich eine tolle Teamleistung!
Am Morgen verlegen wir Yachten bei weiterhin 8 Bft. in die Boxen. Ein eindrucksvoller Hochseetörn mit Binnenrevier-Einlage geht nach zwei Wochen und ca. 450 Seemeilen zu Ende. Wir können uns nur schwer von den Mitseglern trennen; am späten Samstagabend sind dann alle wieder gesund zu Hause.

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